Bilder als Spiegel meiner Seele

Verstehen und verstanden werden

Diese Arbeit ist das Ergebnis eines lebenslangen Selbstfindungsprozesses. Zeitweise zweifelte ich an mir selbst. Nicht verstanden zu werden war für mich wie ein Stachel, der mich antrieb, das Unbekannte meiner Seele zu erforschen. Ich wollte mich und meine Umwelt verstehen.

Als ich nach meiner ersten Psychose in den Alltag zurückkehrte, hoffte ich meine Krankheit ergründen zu können und dadurch zu gesunden. Diesen Weg ging ich alleine. Die Medikamente brachten mir keine Heilung; sie dienten nur der Dämpfung der Krankheitssymptome. Was machte die Krankheit eigentlich mit mir? Um der Frage nachzugehen, ließ ich von Zeit zu Zeit die Medikamente weg und tauchte wieder in die Psychose ein. Die Angst konnte ich überwinden, weil mich meine inneren Bilder faszinierten.

Als ich nach und nach begriff, was meine Bilder mir sagen wollten, kam ich auch den Ursachen meiner Krankheit um ein großes Stück näher. Je mehr ich lernte, mich selbst zu verstehen, umso besser konnte ich mich sprachlich ausdrücken, so dass andere mich verstanden. Die Reaktionen meiner Mitmenschen lernte ich dadurch zu interpretieren und heute kann ich mich als normales Glied in die Gesellschaft einordnen.

Eine psychische Krankheit ist körperlich nicht spürbar. Gefühle und Verstand spielen miteinander „verrückt“, die Seele ist „krank“ weil sie sich nicht ausdrücken kann. Nur durch unseren Körper können wir Schritt für Schritt Ideen verwirklichen. Damit die Pläne geerdet werden und Bäume nicht in den Himmel wachsen, setzt der Körper uns Grenzen. Ich sah meine Grenzen jedoch nicht, denn ich träumte viel und spürte meinen Körper zu wenig. Zeichnen und malen wurde für mich zu einem Ventil, durch das ich die Spannung größtmöglicher Gegensätze überbrücken und damit Unwirkliches ausdrücken konnte.

Ab Herbst 2007 verlagerte sich meine Krankheit mehr auf den Körper. In einem Alter von über sechzig Jahren begriff ich durch verschiedene Schmerzen, dass meine Kräfte und meine Lebenszeit begrenzt sind. Gleichzeitig setzte ich durch disziplinierte Arbeit alles daran, meine Vorhaben zu verwirklichen. Heute erkenne ich endlich meine menschlichen Grenzen.

Die abgebildeten Werke entstanden in einem Zeitraum von über vierzig Jahren, sie waren zuerst chronologisch geordnet. Nachdem ich jedoch entsprechend der aufeinander folgenden Lebensthemen eine Einteilung in Kapitel vorgenommen hatte, ordnete ich einige Bilder um.

Es ist schon lange mein Wunsch, mein Lebenswerk anderen zugänglich zu machen. Besonders psychisch Kranken möchte ich hiermit Mut machen, ihren eigenen Weg zu gehen, sich künstlerisch auszudrücken und mitzuteilen. Der Wunsch, verstanden zu werden, ist mir bis heute geblieben.

 

Teil I

Voller Kraft zu einem unbekannten Ziel

Nicht für den Lehrer, fürs leben lernen wir.“ Diesen Spruch verstand ich als Schülerin nicht. Anstatt in der Schule dem Unterricht zu folgen, dachte ich mir zwischen dem 12. und 16. Lebensjahr einen eigenen Lebensroman aus, der mit einem Traumpartner begann. Er wurde zu einer abenteuerlichen Geschichte über meine zukünftige Familie mit fast erwachsenen Kindern.

Im realen Leben konnte ich mir mit 16 Jahren nicht vorstellen, Kinder zu bekommen, denn ich wusste nichts von den Aufgaben und Pflichten einer Mutter. Mit 17 Jahren befürchtete ich sogar, allein durchs Leben gehen zu müssen. Wie sollte ich den Mann finden, der meinen Vorstellungen entsprach?

Ist es möglich, dass meine Träume eine Flucht aus der Realität waren? Ich fühlte mich nicht als das Kind meiner irdischen Eltern und das bedrückte mich.

Trotz meiner künstlerischen Begabung hatte ich nach der Realschulzeit Mühe, mich für einen Beruf zu entscheiden. Schließlich nahm ich eine Stelle beim Finanzamt an. Nach kurzer Zeit traten Zeichen einer körperlichen Überforderung auf, obwohl die Arbeit selbst mich unterforderte. Als ich mitbekam, was Menschen in anderen Berufen verdienten, begriff ich, welche Möglichkeiten ich mit einem Abiturabschluss haben würde. So nahm ich die nächste Gelegenheit wahr und holte ein fachgebundenes Abitur nach. Jetzt konnte ich Lehrerin werden. Später entschied ich mich für das Wahlfach Kunsterziehung.

Meine ersten Werke zeigen eine Spannbreite unterschiedlicher Themen und Techniken, aus der viel Lebenskraft zu erkennen ist. Sie zeigen den Mut, den ersten Schritt zu tun und einfach los zu gehen. In ihrer Intensität geben sie Hinweis auf meine spätere psychische Überforderung. Ich hatte den Ehrgeiz, etwas Großartiges zu bewirken, ohne zu wissen, was es sein würde.

 

Eine Frau schenkt ihrem Mann Aufmerksamkeit

Zwei Jahre vor meinem Abitur bearbeitete ich in den Herbstferien meinen ersten Holzklotz. In meiner Vorstellung sollten zwei Menschen um einen leeren Kreis in ihrer Mitte tanzen. Durch die Form der beiden Köpfe wollte ich das Weibliche vom Männlichen unterscheiden. Als Beispiel dienten mir die Eltern: Meine Mutter war etwas größer als mein Vater. Die Frau verneigt sie sich vor dem Mann, ist aber gleichzeitig mit ganzer Aufmerksamkeit bei ihm, während er wie selbstverständlich an ihr vorbeizuschauen scheint.

Mein Vater bezeichnete die fertige Arbeit als ein „Jämmerliches Stück Holz“. Die Figur war für ihn zu stark vereinfacht und damit zu verallgemeinert. Mein Kunstlehrer dagegen war begeistert und riet mir, das Werkstück beim Mittel- und Ostdeutschen Schülerwettbewerb einzureichen.

Die Jury interpretierte die Figur im Sinne von „Deutscher Wiedervereinigung“ und sprach mir den zweiten Preis zu.

Holzplastik „Im Tanz vereinigt“ (20.10.1965)
Holzplastik tanzendes Paar

 

Die Fehler meiner Eltern wollte ich nicht wiederholen

Angeregt durch meine mit einem Preis ausgezeichnete Arbeit, nahm mein Lehrer die Holzbearbeitung in den Kunstunterricht auf.

Ich bearbeitete das Thema Familie. Die häuslichen Erfahrungen machten mir als 18 Jährige zu schaffen. Mit meiner Schwester konnte ich als Kind nie richtig spielen und von meinen Eltern fühlte ich mich nicht verstanden, sie hatten keine geistige Verbindung zueinander.

Nach Fertigstellung der Arbeit dachte ich darüber nach, wie ein gutes Miteinander in einer Familie darzustellen wäre. Danach entstand ein inneres Bild von meiner zukünftigen Familie.

Holzplastik „Familie“ (23.4.1966)Familie

 

Gegensätze – harmonisch aufgelöst

Im Kunstunterricht sollte eine Bildkomposition mit verschiedenen Musikinstrumenten zum Thema Kontraste entworfen werden. Ich versuchte, möglichst viele Gegensätze harmonisch zusammenzuführen.

Zum Gelingen eines Musikfestivals tragen viele Musiker mit unterschiedlichen Instrumenten verschiedener Klangfarben bei. Die Künstler, die Musik, die Zuhörer und ihr Applaus bilden gemeinsam einen Höhepunkt. Ähnliches Zusammenwirken in der Bemühung um Harmonie war meine Vorstellung von einer zukünftigen Familie.

Musikfestival 1966 (4.6.1966)Musikfestival

 

Schwierigkeiten als Aufgabe

Ab Wintersemester 1967 studierte ich an der Pädagogischen Hochschule in Dortmund. Mein Wahlfach war Kunsterziehung. Kurz vor meiner Verlobung begann ich mit dieser Arbeit.

Unter Anleitung eines freischaffenden Künstlers der PH lernte ich, Metall zu gießen. Das Material Zinn war vorgegeben. Zinn ist ein schweres Metall mit niedrigem Schmelzpunkt. Das Thema sollte frei gewählt werden.

Die gewählte Sitzposition bringt auf natürliche Art die besondere Haltung der Rückens zum Ausdruck, die ich modellieren wollte. Sie sollte einen schönen Schwung haben. Da ich als Vorlage weder ein Modell noch ein Foto hatte, unterstützte mich der Künstler.

Wenn ich die Sitzhaltung damals selbst ausprobiert hätte, wäre mir aufgefallen, wie schwer es ist, in dieser Position das Gleichgewicht zu halten. Im übertragenen Sinne erging es mir im späteren Leben genau so.

Zinnguss „Geschwungener Rücken“ (30.7.1968)Nackter Rücken

 

Konkurrenz oder Wettbewerb?

Mit dem Sommersemester 1969 wechselte ich zur Pädagogischen Hochschule nach Aachen, weil mein zukünftiger Mann in dieser Region eine Stelle angenommen hatte und wir heiraten wollten. Ich nahm mir vor, für unsere erste Wohnung einen Teppich zu knüpfen, mit dem ich die Entwicklung zwischen mir und meinem Mann andeuten wollte. Von meinen kleinen Ersparnissen kaufte ich Stramin und Wolle, denn der Teppich sollte eine „Grundlage“ für unseren Hausstand werden.

Mein Kunstprofessor riet uns Studenten davon ab, in einer Bildkomposition Kreise einzusetzen. Ein Kreis würde das ganze Bild bestimmen, zwei Kreise würden miteinander in Konkurrenz treten. Als ich ihm meinen Entwurf für den Teppich zeigte, hielt er zuerst den einen Kreis, anschließend den anderen mit seiner Hand bedeckt, dann betrachtete er das gesamte Bild und sagte zu mir: „Sie haben die Kreise sehr geschickt positioniert, sie stören sich nicht.“

Teppichentwurf „Entwicklung und Wachstum“ (25.2.1969)Entwicklung und Wachstum

 

Partnerschaft will wachsen

Während meines Studiums in Aachen lernte ich Ton als leicht formbares Material kennen. Es entstanden die Partnerschafstürme als erste größere Arbeit.

Als ich im Frühjahr 1969 heiratete, hatte ich eine ideale Vorstellung von der Ehe mit meinem Mann, die jedoch mit der Zeit zu einer Enttäuschung führte. Ich machte ihm Mut, ein Haus für uns zu bauen und unterstützte ihn dabei. Außerdem sehnte ich mich danach, mich auch mit meinen inneren Themen verstanden und angenommen zu fühlen. Umgekehrt versuchte ich, ihn ganz von innen heraus zu verstehen.

Zweiteilige Keramik „Türme der inneren Erleuchtung“ (25.11.1969)Türme der inneren Erleuchtung

 

Im Kreise der Familie

Bevor wir heirateten, besuchten wir eine Familie aus der entfernten Verwandtschaft. Der Vater mit seinen vier erwachsenen Kindern beeindruckte meinen Mann so, dass er auf der Rückfahrt zu mir sagte: „Wenn ich alt bin, möchte ich solch ein Patriarch in meiner Familie sein.“ Diesen Wunsch wollte ich ihm erfüllen, obwohl ich große Angst hatte, Kinder zu bekommen.

Mit unserem ersten Kind Marion zogen wir in unser neu gebautes Haus ein. Für den Essplatz in der Küche entwarf ich eine Tapete, die aus Teilen von Pappe angefertigt war. Positiv- und Negativflächen standen sich wie bei einer Verwerfung gegenüber und bildeten ein Relief. Das Motiv, verschieden große Kreise und einheitliche Quadrate, sollte das Zusammenspiel von Vater, Mutter und Kindern in ihren sich ergänzenden Eigenschaften widerspiegeln.

Tapetenentwurf „Das Muster wiederholt sich“ (20.9.1973)1973.09.20--©-A

 

Beschwerliches, Unrealistisches, Fabelhaftes

Als unser zweites Kind Lydia acht Wochen alt war, machten wir unseren Familienurlaub in einer großen Ferienanlage an der Ostsee. Im Rahmen einer Ferienanimation nahm ich die Gelegenheit zu einer Stoffmalerei wahr. Ich stellte Fisch, Elefant und Schnecke in einer unrealen Verbindung dar.

Nach dem Urlaub planten wir unser drittes Kind, denn drei Kinder hatte ich mir in Anlehnung an meine Jugendträume vorgenommen. Dabei überhörte ich meine innere Stimme, die mich warnte. Das Leben in meiner Familie ließ mir schon jetzt keine Freiräume mehr. Kinder und Beruf beanspruchten meine Reserven so sehr, dass mir keine Zeit zur Erholung blieb.

Stoffmalerei „Der Fischelefant und seine Kinder“ (30.8.1974)Der Fischelefant und seine Kinder

 

Gefühle können überwältigen.

Nach zwei Mädchen wünschten mein Mann und ich uns einen Jungen. Eine wissenschaftliche Anleitung dazu hatte ich mir von meinem Frauenarzt besorgt, doch als es soweit war hielten wir uns nicht daran. Zu dieser Zeit war eine Schwangerschaft überhaupt nicht möglich, unsere Gefühle haben die Natur jedoch überwältigt. Als ich schwanger wurde, war ich überzeugt, dass es ein Mädchen werden würde. Anders konnte es nach meinen Informationen nicht sein. Die Geburt meines dritten Kindes ging so überstürzt, dass ich in einen beschleunigten Atemtakt geriet und Angst hatte, keine Luft mehr zu bekommen.

Entgegen meiner Erwartung war mein Kind, so wie ich es mir gewünscht hatte, ein Junge geworden. Ich wusste nicht, womit ich so viel Mutterglück verdient hatte und fragte mich, ob ich eine außergewöhnliche Frau sei. Zehn Tage nach der Geburt 1975 brach bei mir eine Schwangerschaftspsychose aus, so dass ich ins Klinikum nach Aachen eingeliefert werden musste.

Als ich mich etwas stabilisiert hatte, bot man mir eine Beschäftigungstherapie an. Ich töpferte ein kleines Tongefäß als „Froschkönig“. Das schräg nach oben geöffnete Maul der Figur drückt aus, dass der kleine Frosch nach Luft schnappt und dabei sein Märchen erzählen möchte. Er tauchte in die Tiefe des Brunnens und brachte der Königstochter die verloren gegangene, goldene Kugel zurück. Meine drei Wunschkinder waren geboren. Der Frosch musste sich nun fragen, ob er für die Zukunft im Bett der Prinzessin geduldet werden würde.

Keramik „Der Froschkönig“ (15.11.1975)Der Froschkönig

 

Teil II

Das Chaos

Wenn schon Kinder, dann wollte ich drei in möglichst kurzer Zeit. Meine Kinder sollten vom Alter her miteinander spielen können und sich gegenseitig stützen. So lagen meine drei Schwangerschaften innerhalb von drei Jahren, ich hatte sie nach dem Kalender geplant. Damit habe ich mich völlig übernommen. Vor der ersten Psychose war ich schwanger, und trotz meiner zwei kleinen Mädchen als Lehrerin tätig. Wir hatten in dieser Zeit ein Haus gebaut, bei dessen Einrichtung und Gartenplanung ich mich engagierte. Ich befand mich auf einem Höhepunkt nach außen gerichteter Aktivitäten, mir blieb keine Zeit für eine Pause oder eine Innenschau. So konnte es nicht weitergehen. Kurz nach der Geburt meines dritten Kindes, eines Sohnes, brach meine psychische Krankheit aus. – Die totale Überforderung.

An meine Eltern schrieb ich damals: „Ich habe die drei Kinder aus innerem Zwang heraus so geboren, um die Fehler der Vergangenheit in der Zukunft wieder gutzumachen.“ Damit meinte ich nicht nur, dass ich die Fehler meiner Eltern nicht wiederholen wollte, sondern ich wollte meine Kinder so erziehen, dass sie in ihrem späteren Leben in der Lage seien, auch meine unvermeidlichen Fehler wieder gutzumachen. Ich hatte nicht nur selbst unerreichbar hohe Ideale, sondern wollte diese auch noch auf meine Kinder übertragen.

Ich dachte, Mutter zu sein sei ein schöner Beruf, doch darin hatte ich noch zuwenig Erfahrung. Große Fehler im Umgang mit den beiden ersten Kindern waren mir bereits bewusst geworden. Deshalb wollte ich nicht allein die Verantwortung für die Kindererziehung übernehmen, sondern meinen Mann und die Kinderfrau maßgeblich mit einbeziehen.

Nach meinem ersten Zusammenbruch wurden mir Medikamente verordnet, die jedoch nicht nur die Symptome der Krankheit dämpften, sondern auch dazu führten, dass meine Lebensfreude in eine trübselige Stimmung umschlug. Trotz der Kinder, für die ich mich vom Schuldienst hatte beurlauben lassen, war ich ohne Antrieb und litt unter Langeweile. Deshalb folgte ich dem Rat meines Mannes, den Schulrat um Wiedereinstellung in den Schuldienst zu bitten. Die Rückkehr in meinen Beruf war mit Beginn des Schuljahrs 1976 möglich. Zwei Monate später offenbarte ich meinem Psychiater meine tiefe Verzweiflung und Angst, die Aufgaben die ich mir für mein Leben vorgenommen hatte, nicht bewältigen zu können. Er legte mir darauf hin nahe, ab einem Jahr nach der ersten Psychose alle Medikamente wegzulassen.

Direkt danach wurde ich aktiver. Leider steigerte sich meine Lebensfreude und Aktivität so sehr, dass es in der Vorweihnachtszeit 1977 zu einer weiteren Überforderung mit einer zweiten Psychose und einem Klinikaufenthalt kam. Anschließend erlitt ich zum zweiten Mal eine einjährige Depression. In den nächsten sechs Jahren folgten weitere drei Psychosen im Wechsel mit starken Depressionen, manischen Phasen und Zeiten, die ich als gesund bezeichnen könnte. Es gelang mir nicht, ein „Gleichgewicht“ zu finden.

 

Eine Begegnung, die Folgen haben könnte

Drei Kinder hatte ich mir gewünscht, aber jetzt spürte ich, dass die Grenze meiner Belastbarkeit überschritten war. Ich hatte Angst vor einer weiteren Schwangerschaft, denn ich konnte eine neue Empfängnis nicht ausschließen. Nach einer leidenschaftlichen Begegnung mit meinem Mann fühlte ich mich dazu gedrängt, die obige Strichzeichnung zu fertigen und dazu zu schreiben: „Komm zu mir in die Unendlichkeit – Gott will die Sexualität“.

Die Frage: „Wer bin ich als Frau und Mutter?“, drängte sich mir auf. In der Beziehung zu meinem Mann spürte ich auf körperlicher Ebene, was meine Aufgabe als Frau war. In Bezug auf meine drei kleinen Kinder überforderte mich die Situation.

Eine zweite Psychose bahnte sich an. Ich war so erschöpft, dass ich mich im Herbst 1977 erneut vom Schuldienst zurückziehen musste. Meine Kinder brachte ich jeweils zur Schwiegermutter, Schwester und zu einer Tante meines Mannes, die weit entfernt wohnten. Dennoch blieb der zweite Klinikaufenthalt in der Psychiatrie unumgänglich.

Gott will die Sexualität (8.11.1977)Gott will die Sexualität

 

Verrückt, heilig oder normal?

Wie beim ersten Mal geriet ich auch in meiner zweiten Psychose in einen Strudel der Gefühle: Verwirrung, Angst und Glückszustände wechselten sich ab. Mal hielt ich mich für die „Jungfrau Maria“ oder ein „Verkanntes Genie“, mal bekam ich Angst vor einer Strafe Gottes für meine vermessenen und überheblichen Gedanken. Ich zweifelte an meinem Verstand und wusste nicht mehr, ob ich heilig, verrückt oder normal war. Meine Gedanken konnte ich mit niemandem teilen.

Während meiner manischen Phasen konnte ich in Sekundenschnelle einfache Strichzeichnungen fertigen, die Wesentliches aussagten. Zu dieser Zeichnung schrieb ich: „Ich begab mich in äußere Unfreiheit und erkannte nach und nach, dass ich die Schlüssel meiner Freiheit in mir selber trage.“ Nach Betrachtung meiner Arbeit hatte ich mich gefangen, ich war bei mir selbst und konnte mein Kreuz tragen.

Gefangenheit meines Selbst (16.11.1977)Gefangenheit unseres Selbst

 

Transparenz und Aufrichtigkeit

Als Vorlage dieser Zeichnung diente mir die Zinnfigur „Schöner Rücken“. Die Zeichnung gelang mir in wenigen Sekunden.

Es kam mir darauf an, durch eine Linie die Ganzheit der Zinnfigur darzustellen: Rücken und Gesicht sollten gleichzeitig zu erkennen sein, um Offenheit, Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit zum Ausdruck zu bringen. Eine Mitpatientin bezeichnete das Bild später als „Schlafende Madonna“.

Schlafende Madonna (21.11.1977)Schlafende Madonna

 

Erschreckende Wahngedanken

Meine dritte Schwangerschaft war für mich nicht zu erklären, deshalb glaubte ich, mein Kind vom Heiligen Geist empfangen zu haben. Wenn ich Jungfrau Maria war, musste mein Sohn Jesus sein. Es waren Wahngedanken, die mich erschreckten.

Meine Bilder waren jedoch Ergebnisse, die allgemein bewundert wurden. Das gab mir Selbstbestätigung und trug zur Heilung bei.

Mutter mit Kind (25.11.1977)Muter mit Kind 1977

 

Glaube kann Berge versetzen

Während der Psychose setzte ich mich mit Jesus von Nazareth auseinander, der durch sein Gottvertrauen Wunder wirkte. Hierbei dachte ich an den Sturm auf dem See Genezareth.

Diese Zeichnung entstand intuitiv und ohne abzusetzen, die Linie habe ich später farbig nachgezeichnet.

Wind und Wellen, die uns tragen (23.11.1977)Wind und Wellen, die uns Tragen

 

Entfaltung des Lebens mit Grundvertrauen

Während des Klinikaufenthaltes 1977 töpferte ich eine auf dem Boden sitzende Frau aus weißem Ton. Die Figur sollte meine neue Lebenseinstellung darstellen. Ich wollte es mir in Zukunft leichter machen. In der rechts abgebildeten Zinnfigur sah ich die Lebenshaltung meiner Vergangenheit. Ich dachte über beide Sitzpositionen nach. Während die Zinnfigur eine sexuell mehr weglassen verschlossene Haltung zeigt, zeigt die Tonfigur Aufgeschlossenheit.

Das Gefühl auf dem Boden ruhen zu dürfen gab mir Grundvertrauen und half mir, die Sorgen die meine Krankheit mit sich brachte zu verdrängen.

Lebenshaltungen (Ton 20.11.1977)Auf dem Boden ruhend

 

Ergänzung

Ergänzung in einer Partnerschaft, verbunden mit Freiheit und Verantwortung war mein Ziel. In diesem Bild tanzen Mann und Frau frei und unabhängig voneinander. Wenn sich beide Figuren berühren, ergibt sich eine endlose Linie. Zeichnete man diese nach, ergäbe sich ein Rhythmus von rot und blau.

In der Verbindung mit meinem Mann fühlte ich wenig Übereinstimmung, dafür viel Ergänzendes.

In Freiheit tanzendes Paar (16.1.1979)In Freiheit tanzendes Paar 1979

 

Alles auf eine Linie bringen.

Um der Frage: „Wer bin ich als Frau und Mutter?“ nachzugehen, beschäftigte ich mich mit den Mutterfiguren Eva und Maria. Eva umgekehrt gelesen lautet Ave. Ave-Maria bedeutet gegrüßt sei Maria. Da ich mich fortwährend mit solchen Gedanken befasste, fehlte mir die Motivation, die täglichen Aufgaben zu bewältigen.

Zu dem Bild der endlosen Linie schrieb ich später in mein Fotoalbum: „Die Kunst, alles auf eine Linie zu bringen muss ich für mein Leben noch lernen.“

Eva und Maria (endlose Linie 20.1.1979)Eva und Maria

Lebensentfaltung zwischen zwei Polen

Mit Eva, die ihren Mann Adam mit einem Apfel verführt hatte, beschäftigte mich die Gegensätzlichkeit von männlich und weiblich, die sich in diesem Bild wie Licht und Schatten gegenüberstehen.

Dem Weiblichen, das undurchsichtig wie Mutter Erde Leben hervorbringt, ordnete ich schwarz zu und dem Männlichen weiß. Es schenkt uns mit dem transparenten Sonnenlicht alle Regenbogenfarben.

Träumende Eva (22.1.1979)1979.10.20 © A. Schebesta Traeumende Eva

 

Stand in der Gegenwart finden

Zu diesem Bild schrieb ich: „Wo ich herkomme – wo ich hingehe, wer ich bin und wo ich stehe.“ Ich wollte Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbinden. Die Figur im Inneren steht als Teil einer endlosen Linie inmitten der Unendlichkeit. Ich dachte mir, dass die Schlangenlinie auf der rechten Seite meine bereits gelebte Lebenszeit zeigen sollte.

Die Hoffnung, mein Unbewusstes zu ergründen und dadurch zu gesunden, gab ich nicht auf. Wenn ich meine Medikamente wegließ, gelangte ich erneut in den Schattenbereich der Psychose. Durch meine Krankheit war ich von der Gesellschaft ausgegrenzt und alleine, das spürte ich zwar, konnte es aber nicht mit Worten ausdrücken. Ich dachte über mich und meine Umwelt als Bühne des Lebens nach.

Die Bilder der endlosen Linie vervielfältigte ich und stellte für 1980 mehrere Kalender her, um mit den Mitmenschen darüber ins Gespräch zu kommen. Ich erhielt zwar Bewunderung, aber nicht die ersehnte Befreiung, denn ich verstand mich selbst noch nicht.

Die Bühne des Lebens (28.1.1979)Die Rolle auf der Buehne des Lebens

 

Mein Lebensrätsel

In Krankheitsphasen hatte ich oft große Angst, mein Leben nicht bewältigen zu können. Den Sinn des Lebens verband ich mit meinen täglichen Aufgaben, die im Bild wie Früchte in einer Schale liegen. Nach Sigmund Freud entspricht die Schale, die etwas aufnimmt, dem Weiblichen. Die Gabe der drei Äpfel betrachtete ich als meine Kinder, die mir große Aufmerksamkeit und Kraft abverlangten. Die exotische Ananas forderte mich auf, zu meiner Einmaligkeit zu stehen, die Trauben deuteten auf meinen religiösen Hintergrund hin. Um jedoch die Obstschale leer essen zu können, musste ich auch die harte Nuss knacken. Sie war mir ein Rätsel und es schien mir, dass ich meine wichtigste Aufgabe noch gar nicht erkannt hatte.

Mit Vollendung des Bildes ritzte ich in das Zeichenpapier ein kleines Loch, das ich zu einem Dreieck aufklappte, so dass der Untergrund sichtbar wurde. Ich empfand ein großes Glücksgefühl und mir schien es gewiss, dass ich genügend Zeit finden würde, alle Lebensaufgaben zu einem guten Ende zu führen.

Die Aufgaben liegen in einer Schale (6.5.1979)Aufgaben liegen in einer Schale

 

Der Mittelpunkt meines Lebens

Das zweite Bild vom Fischelefanten zeigt meine inzwischen veränderte Familiensituation: Ein drittes Kind ist dazugekommen, dargestellt als Igel auf einer Wiese. Mein zweites Kind habe ich als Stern an den Himmel gesetzt, das erste Kind, der Schmetterling erhielt als Beigabe eine Blume.

Die beiden schwarzweißen Punkte weisen darauf hin, dass ich mich nicht für ein Lebenszentrum entscheiden konnte. Den Mittelpunkt meines Lebens musste ich finden und von mir selbst aus gestalten, doch all die Aufgaben überforderten mich.

Die Familie des Fischelefanten (2.9.1979)Die Familie des Fischelefanten

 

Selbsterkenntnis durch Symbole

Das Kunstblumengebinde auf einem Spiegel entstand während einer Lehrerfortbildung „Therapeutisch orientierter Religionsunterricht“. Die Tagung regte meine Gedankentätigkeit so stark an, dass Schlafstörungen aufkamen.

Der Therapeut gab mir zu meinem Blumenspiegel folgende Deutung: Rosen sind Symbole der Liebe, die gelben Rosen weisen auf eine geistige Verbundenheit hin. Drei Mal drei Rosen kommen vor. Die Drei als eine männliche Zahl sei ein Zeichen für die drei Männer, die in meinem Leben wichtig sind, mein Vater, mein Mann und mein Sohn.

Die Kunstblumen hatte ich für meinen Mann auf den Spiegel gesteckt. Er wertete das Geschenk jedoch ab und wollte es nicht annehmen. Darüber war ich sehr enttäuscht und fühlte mich abgelehnt. Nur zwei Tage später wurde ich mit einer Psychose in die Klinik eingewiesen.

Spiegel mit Blumen (4.10.1979)1979.10.04 © A. Schebesta Spiegel mit Blumen

Von zwei Seiten

Während meines dritten Klinikaufenthaltes drückte ich sowohl in meinem Verhalten als auch in meinen Bildern alles aus, was sich an Gefühlen und Wünschen in mir aufgestaut hatte. Darüber hinaus provozierte ich meine Mitpatienten: Ich versteckte ihre Brillen und Zigaretten unter Tischdecken, die ich kunstvoll drapiert hatte und bemalte die Wände des Klinikflures. Ich tobte, schrie und verkleidete mich, um beim Pflegepersonal Aufmerksamkeit zu erregen. Man sollte sich mit mir befassen. Durch meine Krankheit war ich eingesperrt und ausgegrenzt, fühlte mich jedoch gesund und stark. Eine Schwester nahm sich meiner an und wir führten eine lange Diskussion, die sie mit dem Ausspruch: „Das ist ja paradox“ beendete.

Das Bild der aus meiner Verwirrung entstandenen Weihnachtskrippe bietet dem Betrachter durch Verdoppelung und Umkehrung die Möglichkeit, es auch von der umgekehrten Seite zu betrachten.

Nach dieser Psychose musste ich den Beruf der Grundschullehrerin aufgeben und wurde im Jahre 1980 vorzeitig pensioniert.

Weihnachtskrippe (12.12.1979)Weihnachtskrippe © Annegret Ilse Schebesta 1979Weihnachtskrippe © Annegret Ilse Schebesta 1979

 

Weitere Teile

Die nachfolgenden Kapitel werden Texte und Bilder zeigen, die nicht mehr chronologisch, sondern thematisch geordnet sind, alte Arbeiten wechseln sich mit aktuellen ab.  In Arbeit.

 

 

 

 

Ein Gedanke zu „Bilder als Spiegel meiner Seele

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